Aus der Region für die Region!


Ulrichstein. Rund 40 Studierende aus den Studiengängen Energiesystemtechnik und Technische Gebäudeausrüstung der FH Gießen-Friedberg besuchten am 15. Mai in einer eintägigen Exkursion Hessens höchstgelegenste Stadt und informierten sich in vier Fachvorträgen und vor Ort über die Windkraftanlagen im hohen Vogelsberg.

Dipl.-Ing. Reinhold Altensen vom VDI Bezirksverein Mittelhessen begrüßte die rund 50 Teilnehmer, darunter auch Professoren der Fachhochschule und stellte die Stadt Ulrichstein in Fakten und Zahlen vor.
So tragen die Windparks heute nicht nur zu 50% des Gewerbesteueraufkommens, rund 230.000 Euro im Jahr, der 3200 Einwohner zählenden Kommune bei, über einen kommunalen Eigenbetrieb konnten allein im Jahr 2002 290.000 Euro an Erträgen aus dem Windstrom eingenommen werden, die über Investitionen im Haushalt und Querfinanzierung der städtischen Wasserversorgung an die Bürger weitergegeben wurden. In Ulrichstein wurden vor 20 Jahren durch Innovation neue Wege beschritten, die sich heute in barer Münze auszahlen. „Aus der Region für die Region“, laute das Resümee des kurzen Stadtporträts, dem sich ein Vortrag über Stromerzeugung und Windenergie anschloß.
Reinhold Altensen zeigte in seiner Präsentation die umgesetzte Endenergie in Deutschland auf, die sich 2004 auf 2566 Milliarden Kilowattstunden summierte. Dabei entfiel der Löwenanteil mit je rund 30 % auf die Raumwärme und die Kraftstoffe. Anhand aktueller Zahlen aus dem letzten Jahr wurde auch die Stromversorgung in Deutschland nach Bereitstellung und Verbraucher aufgeschlüsselt. Demnach entfielen über 50% auf fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas, etwa 20% auf Kernenergie und lediglich 6,4% auf Windenergie - und das, obwohl die in Deutschland installierte Windleistung mit 22,3 Gigawatt die Kernkraft mit 20,4 Gigawatt bereits überflügelt hat.
Dies sei im wesentlichen auf die unterschiedlichen Volllaststundenzahl zurückzuführen. Auch Mitverantwortlich sei hier der mangelnde Ausbau des Stromnetzes. Im Norden der Bundesrepublik ist das Gros der Windkraftanlagen installiert, dazu zahlreiche konventionelle Kraftwerke, nach Süden hin nimmt die Anzahl ab. An windreichen Tagen bedeute dies aufgrund des Rückstandes im Netzausbaus eine Abschaltung der Windkraftanlagen, da zeitweise ein Überangebot an elektrischer Energie zur Verfügung steht.
Ein Blick auf die technisch nutzbaren Potentiale der regenerativen Energiequellen rundete den Vortrag ab. So werden in der Zukunft neben Windturbinen vor allem solarthermische Kraftwerke eine Rolle spielen.
Im Schlußwort wies der Referent in einer kurze Warnung auf die Energiefalle hin, die eine Katastrophe für unsere Volkswirtschaft bedeute. In Zeiten, wo der Rohölpreis innerhalb eines Jahres um fast 100% auf 125 Doller je Barrel steigt, gehe es nicht mehr darum, ob Windturbinen die Landschaft verschandeln oder Schwarzstörche in ihrem Brutgeschäft gestört werden. Dagegen haben Sonne und Wind ihren Energiepreis nicht erhöht, sie liefern zum Nulltarif und sind frei von Mineralöl-, Öko- und Umsatzsteuer.
Im Anschluß übernahm Dipl.-Wirt.-Ing. Ralf Hecker von der Firma ENERCON das Wort, der in aller Kürze den weltweit agierenden Hersteller von Windkraftanlagen vorstellte. Im Gegensatz zu anderen Vertretern der Branche produziere man fast alles selber - und das hauptsächlich in Deutschland. Demnächst wird sogar eine eigene Gießerei für die sonst nur schwer erhältlichen Spezialteile gebaut werden.
Was im Jahr 1984 mit einem Windrad von 15 Metern Durchmesser begann, findet derzeit in der größten auf dem Markt erhältlichen Windkraftanlage mit 126 Metern Rotordurchmesser seinen Höhepunkt. Dabei liefert eine Anlage an einem Tag so viel elektrische Arbeit, etwa 100.000 Kilowattstunden, wie zu den Gründerzeiten in einem Jahr.
Zur Zeit boomt vor allem der Exportmarkt, derzeit werden pro Jahr etwa 15 Gigawatt Windkraft neu installiert, doch man hat auch mit Problemen, wie etwa den steigenden Rohstoffpreisen zu kämpfen, die sich negativ auf die Wirtschaftlichkeit von Windkraftanlagen auswirken.
Im weiteren Verlauf gab Ralf Hecker einen Überblick über das Produktprogramm, nannte Zahlen und Fakten sowie Vorteile der ENERCON-Anlagen, die aus jahrelangen Entwicklungen und Erfahrungen resultieren. Die Verkaufsschlager seien weiterhin Anlagen der 2-MW-Klasse, von denen jährlich bis zu 800 Stück gebaut werden.
In der Zukunft plant ENERCON den Bau von Wasserkraftwerken. Die strömungsmechanischen Erkenntnisse, die man aus der Luft gewonnen habe, wolle man nun auch auf das Medium Wasser übertragen. Ebenso wird dieses Jahr noch das erste eigene Schiff vom Stapel laufen, ausgerüstet mit einem Flettner-Rotor, der den Kraftstoffverbrauch um ein Drittel reduzieren soll. Man will so die hohen Verschiffungskosten für den Export umgehen.
Mit Joachim Wierlemann, dem Landesvorsitzenden des Branchenverbandes Windenergie (BWE), konnte ein Fachmann gewonnen werden, der in einem weiteren Vortrag noch mal deutlich auf die Endlichkeit der fossilen Energieträger hinwies und die Vorteile von Windkraft, auch gegenüber anderen regenerativen Energien, aufzeigte. So sei die Energie, die für die Herstellung einer Windkraftanlage benötigt werde, bereits nach spätestens einem halben Jahr Betrieb wiedergewonnen. Außerdem sei die Windkraft ungeschlagen bei der Flächeneffizienz. Als Vergleich zeigte J. Wierlemann eine Biogasanlage in der windkraftypischen Größenordnung von 800 Kilowatt Leistung auf, die mindestens 200 bis 300 Hektar Maisanbaufläche zum Betrieb benötige. Dagegen sei in Windparks die landwirtschaftliche Nutzung der Flächen zwischen den einzelnen Windrädern kein Problem, wie das Beispiel Vogelsberg belege.
Des weiteren wies er auf die Besonderheiten beim Handel mit Windstrom hin, die aufgrund der steigenden Rohstoffpreise über kurz oder lang dazu führen werden, daß Strom aus regenerativen Energien für den Endverbraucher attraktiver sein wird als aus fossilen Brennstoffen gewonnener.
Daneben erfuhr man, daß einer der Kritikpunkte der Windkraftgegener, die schädlichen Auswirkungen der Anlagen auf das Brutverhalten seltener Vögel, nicht haltbar sei, im Gegenteil: so stiegen die Zahlen der brütenden Schwarzstörche in der Region in den vergangenen Jahren stetig an.
Daß Windkraft in Verbindung mit Photovoltaik und Biomasse in der Lage ist, im großen Stil den Strombedarf des Landes zu decken, erläuterte der Landesvorsitzende des BWE abschließend in einem kurzen Video über das Kombikraftwerk, einem Projekt der Uni Kassel.
Als letzter Referent sprach Dipl.-Phys. Manuel Esterle von der hessenENERGIE, einer Energieagentur, die sich für eine effiziente und umweltschonende Energienutzung engagiert, wie die Betriebsführung der Windkraftanlagen in Ulrichstein gestaltet wird. Er erläuterte im einzelnen Fernüberwachung, Störungsbeseitigung sowie Wartung und Instandhaltung der Anlagen. Ferner zeigte er Besonderheiten an einzelnen Bauteilen, wie kombinierten Stirnrad- und Planetengetrieben, auf und berichtete ausführlich über Schwingungsdiagnosen an Bauteilen während des Betriebes, die als „Condition Monitoring“ bezeichnet werden.
Nach einer kurzen Mittagspause wurde die Exkursion an zwei Standorten von Windkraftanlagen im Vogelsberg fortgesetzt. Manuel Esterle führte die Teilnehmer zu verschiedenen Typen von Windkraftanlagen, nannte Betriebsgrößen und stand den Gästen von der Fachhochschule Gießen-Friedberg Rede und Antwort auf ihre Fragen.
Windenergie, so das Resümee des Tages, wird hierzulande Atom- oder Kohlekraft nicht ersetzten können. Mit einer vorausschauenden Planung wird sie aber in der Zukunft einen gewichtigen Faktor im Energiemix ausmachen und uns ein Stück unabhängiger von fossilen Brennstoffen machen.

Exkursion Bild